Deutsche Handschriften lesen

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August Wiemann

Wanderschaft und Pilgerreise von Münster/Westf. nach Rom, Juli 1911 bis März 1912.

Aus dem Nachlass von August Wiemann, geboren am 2. Februar 1892 in Münster/Westf.,  gestorben am 19. Dezember 1915 im Stellungskampf bei Wyterkaete-Messines.

Napoli den 12. Ja. 1912 / Viele Grüße von / Neapel sendet / August. / Wie bunt das Leben hier / auf der Straße ist, könnt / Ihr hier auf dieser Karte / gut sehen. / Fahre gleich nach Loretto, [Loreto] dann nach Venedig. / Es grüßt August.

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Am 12. Januar 1912, auf dem Rückweg seiner Reise, schickte der knapp 20-jährige August Wiemann diese Postkarte an seinen Onkel Franz Vogt. Zusammen mit eigenen Tagebüchern, Fotos und Postkarten, bei denen es sich hauptsächlich um Erinnerungen an die Zeit des Ersten Weltkriegs handelte, bewahrte Franz Vogt, Kaufmann in Gesmold, Kreis Melle, auch die wenigen Postkarten seines Neffen August auf.

August Wiemann ist einer der 580.000 Namen aus 40 Nationen auf dem am 11. November 2014 eingeweihten Ring der Erinnerung am Ort des Internationalen Memorials Notre-Dame-de-Lorette bei Ablain-Saint-Nazaire.

Siegmund Helischkowski

In französischer Gefangenschaft

»September 1914. Das Lazarett war eigentlich ein Erholungsheim für operierte Frauen, eine Gründung der Familie Borniche. Es besaß außer dem eigentlichen Gebäude ein schlossähnliches Haus mit einem sehr schönen großen Park und Gemüsegarten. In dem Hause wohnte der Direktor mit dem Chefarzt Dr. Landry und einem Assistenzarzt sowie 3 dames de la croix rouge. Das Hôpital besaß 4 sehr schöne Räume mit je 14 Betten, die durch eichene Wände von einander getrennt waren, der Fußboden war parkettiert. Alles atmete Sauberkeit und Behagen. Wir waren im ersten Stock untergebracht, die französischen Verwundeten in beiden Sälen zu ebener Erde.

Mary-sur-Marne – Schlafsaal in der ›Fondation Borniche‹

Das Haus lag hoch in den Marne-Bergen, die ganze Umgebung war so reizvoll, dass man in normalen Zeiten sich sehr wohl fühlen konnte.

Ich hatte, außer einem genesenden Typhuskranken nur schwer verwundete Leute, die mich reichlich in Anspruch nahmen. 6 von ihnen starben während kurzer Zeit am Tetanus, einer an Rückenmarkslähmung mit decubitus. Es war schrecklich, ihre Leiden mit ansehen zu müssen, ohne helfen zu können. Wir spritzten damals mangels Erfahrung noch nicht prophylaktisch Antitetanustoxin.

Ich selbst speiste mit dem Direktor, den Ärzten und den Rote-Kreuz-Damen gemeinsam. Das Verhältnis war fast freundschaftlich zu nennen, bis auf den reichlich taktlosen Assistenzarzt. Verbandszeug und Medikamente bekam ich reichlich. Dafür revanchierte ich mich, indem ich kleine »souvenirs« austeilte und dem Chefarzt Deutsch beibrachte. Besonders ins Herz hatten mich 3 alte Nonnen geschlossen, die mir zum Abschied noch wollene Strümpfe und Caces zusteckten. Nach einigen Tagen begann ich mich auf meine äußeren Verhältnisse zu besinnen und wurde reichlich deprimiert in dem Gedanken, dass meine Angehörigen ja nicht wussten, was aus mir geworden war. Ich erhielt schließlich die Erlaubnis, nach Hause zu schreiben, was mich ruhiger machte.«

Mary-sur-Marne – Das Schloss mit in der ›Fondation Borniche‹

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Tetanus (Wundstarrkrampf) war im 1. Weltkrieg eine große Gefahr. In erster Linie für die Schwerverwundeten, aber ebenso auch für die vielen Leichtverwundeten. An allen Fronten sind wahrscheinlich Millionen daran gestorben. Das Tetanus-Bakterium lebt anaerob, also ohne Sauerstoff, hauptsächlich im Boden. Ohne Sauerstoff kann es das Nervengift Tetanustoxin bilden, das die Nerven zu Dauerkontraktionen zwingt. Diese sind so heftig, dass selbst gesunde Knochen brechen können. Darüber sind die Dauerkontraktionen extrem schmerzhaft. Das Toxin lässt sich durch das passive Antitoxin neutralisieren, das zwar keine Immunität bewirkt, die Akut-Antitoxinwirkung aber sofort entfaltet. Heute wird standardmäßig bei offenen Verletzungen die aktive Immunisierung durchgeführt. [Ich danke Prof. Dr. Hans-Werner Klempt für seine Hilfe. G.F.]

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Arthur Nicolaier (1862–1942) gilt als derEntdecker des Tetanuserregers. Er studierte in Heidelberg, Berlin und Göttingen Medizin. 1884 gelang es Nicolaier am Hygienischen Institut in Göttingen den Erreger des Wundstarrkrampfes nachzuweisen. 1885 promovierte er mit einer Arbeit zur Aetiologie des Wundstarrkrampfes. Während man in anderen Sprachräumen noch heute vom Nicolaier’s Bacillus oder Bacille de Nicolaier spricht, ist sein Name hierzulande in Vergessenheit geraten. Im Sommer 1942 wurde ihm der Abtransport in das Konzentrationslager  Theresienstadt (»Altersghetto«) angekündigt, am 28. August 1942 nahm er sich das Leben.

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Für alle Transkriptionsaufträge gilt absolute Verschwiegenheit. Die Texte und Abbildungen hier sind aus meinem Archiv. In Einzelfällen liegen Genehmigungen Dritter vor.

All texts and images in this blog are from my private archive, resp. authorized by third parties. All transcriptions are handled confidentially.

Siegmund Helischkowski, Erster Weltkrieg

Erinnerungen 1914 bis 1919

Seite 5 der Aufzeichnungen von Siegmund Helischkowski (1)

»Als die drohende Kriegsgefahr am 31. Juli 1914 verkündet wurde, war es mir, wie den meisten Ärzten im Krankenhause der Jüdischen Gemeinde (ich war dort Praktikant bei Prof. Strauss (2)) klar, dass der Krieg unvermeidlich war. Ob eine Kriegserklärung von Deutschland aus berechtigt war, konnte ich nicht entscheiden, da ich mich leider zu wenig um Politik gekümmert hatte, über die Zusammenhänge der Weltwirtschaft nichts wusste und von der Schule her antidemokratisch erzogen war.«

Visé, der Bahnhof um 1914

»Das Viertel ist verbrannt worden. Wir haben 6 Tote. Die Einwohner mussten die Stadt verlassen.« Auf der Rückseite: »Frau Helischkowski / Berlin-Charlottenburg / Herderstr. 6 / Feldpostkarte / Heute Nacht von den Einwohnern beschossen. Ich bin unverletzt, also / sorge Dich nicht. / Herzlichen Gruss Euch / allen. / Sieg[mund]«

Die Seiten 36 und 37 der Aufzeichnungen von Siegmund Helischkowski

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Nach einem Wassereinbruch im Keller seines Geschäftes stellte ein Antiquar in den 1970er Jahren in Alt Moabit einen Teil seiner Bestände auf den Bürgersteig. Vorübergehende Passanten forderte er auf, sich das mitzunehmen, woran sie Interesse hätten. Die handgeschriebenen Aufzeichnungen von Siegmund Helischkowski mit eingefügten Briefen und Postkarten weckten das Interesse eines Freundes, der aber die Schrift nur schwer lesen konnte. So kamen sie schließlich zu mir. Ich danke Wolf Kahlen.

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(1) Dr. med. Siegmund Helischkowski (*1888 Kolmar/Posen, heute Chodziez/Polen, †1963 Berlin)  Studium in Berlin und Breslau. 1913 bis August 1914 Assistenzarzt am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Bis 1917 Assistenzarzt bei einem Infanterieregiment in Osteuropa. 1917 Dissertation in Berlin: »Die Wandlungen der Desinfektionsmethoden des Operationsfeldes und der Hände des Chirurgen«. 1925 bis 1939 Allgemeinmedizinische Praxis in Berlin-Neukölln. 1939 bis 1945 Krankenbehandler in Berlin Wedding, Iranische Straße 2, Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Berlin.

(2) Hermann Strauss (*1868 Heilbronn, †1944 Theresienstadt), 1910 bis 1942 Chefarzt für Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin. »Mit Beginn des 1. Weltkrieges 1914 übernahm er militär- und kriegsärztliche Aufgaben und war Unterzeichner der ›Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches‹ vom 23. Oktober 1914 zur Unterstützung des Kaisers und zur ›Verteidigung deutscher Kultur‹.« Quelle: https://gedenkort.charite.de/menschen/hermann_strauss/ Stolperstein/Gedenktafel, beides Kurfürstendamm 184, Berlin-Charlottenburg

Rezeptbuch, Nürnberg um 1920

Tauben Fricaße.

Aus einem privaten Nachlass.

Zu 6 Tauben, brät man 1/Pfd. * / Butter, wendet die halben Tauben / im Mehl um, und brät sie / auf langsamen Feuer leicht / ab, nun gießt man soviel / kochende Bouillon und 1 Glas / Weißwein dazu, daß sie halb / bedeckt sind, rührt sie um, / salzt sie ein wenig, und läßt / sie bedeckt unter öfterem Umschwenken / 1 St. kochen.

* [in der Vorlage Pfund-Zeichen]

Die in diesem Blog vorgestellten Beispiele kommen alle aus meinem privaten Besitz. In Einzelfällen liegen Genehmigungen der Archive bzw. Autoren vor. Für meine Auftraggeber garantiere ich absolute Verschwiegenheit.

Ludwig Bösendorfer an Martha Remmert

15. Februar 1905.

Eine Nachricht des österreichischen Klavierbauers Ludwig Bösendorfer an die Pianistin Martha Remmert (1853–1941), eine der begabtesten Schülerinnen von Franz Liszt. Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach ernannte sie 1881 zur großherzoglichen Hofpianistin. 1892 erhielt sie von Ernst von Sachsen Herzog von Coburg und Gotha die silberne Ernst-Medaille und von Ernst Herzog von Sachsen, Jülich, Kleve und Berg die Verdienstmedaille für Kunst und Wissenschaft in Gold mit Krone. Johann Albrecht Herzog von Mecklenburg-Schwerin überreichte Martha Remmert 1893 eine Verdienstmedaille in Gold. 1914 verlieh der Herzog von Sachsen, Jülich, Kleve und Berg in Altenburg ihr zum Abschluss des dortigen Musikfests die Verdienstmedaille für Kunst und Wissenschaft in Gold mit Krone.

Mit freundlicher Genehmigung © Klassik Stiftung Weimar · GSA 59/465,11

»Wien am 15/2. 1905 / Hochverehrte Meisterin. / Können sie mich als ordentliches / Mitglied für den Lisztverein brauchen, / werde ich sehr erfreut sein. / Leider habe ich es nicht bis zum / Capitalisten gebracht. / In Verehrung & Hochachtung / Ihr ganz ergebener / Bösendorfer« (Mit mit Liszt-Vereinmeinte Ludwig Bösendorfer die von Martha Remmert damals in Gründung befindliche (Berliner) Franz-Liszt-Gesellschaft, die bis 1937 existierte.)

Aus einem Transkriptionsauftrag für die biografischen und musikwissenschaftlichen Arbeiten über Martha Remmert von Dieter Nolden: Die Pianistin Martha Remmert, Eine Meisterschülerin von Franz Liszt, Band 1 und 2. Wilhelmshaven 2019 und 2020.

Die Handschrift im frühen 20. Jahrhundert

aus: R. Markert und K. Schander: Mein erstes Lesebuch. Nürnberg, 1916

Ludwig Sütterlin entwickelte 1911 eine Ausgangsschrift  für das Erlernen von Schreibschrift in den Schulen. Diese von der deutschen Schreibschrift (Kurrent) leicht abgewandelte Schrift galt etliche Jahre neben der lateinischen Schreibschrift (für Fremdsprachen) als die Handschrift, die jedes Kind lernen sollte.

Ab 1915 wurde die Sütterlinschrift in den Schulen Preußens eingeführt, jedoch am 1. September 1941 wieder verboten (Normalschrifterlass). Der Gebrauch von gebrochenen Druckschriften (Fraktur) wurde schon am 3. Januar 1941 untersagt. Als Grund dafür mag gelten, dass außerhalb Deutschlands niemand diese Handschriften lesen konnte  und die Druckschriften auch nicht, nur die Deutschen selbst.

Für den Alltag war das nebensächlich. Jeder Schreiber hatte seine eigene spezielle Handschrift. Und für Transkriptionen liegt genau da die Herausforderung. Da kann man froh sein, dass das deutsche Alphabet nur 26 Buchstaben hat, allerdings große und kleine, und die drei wichtigsten Umlaute Ä, Ö und Ü.

Fremdsprachen schrieb man auch an deutschen Schulen in lateinischer Schrift, außer natürlich Russisch, Chinesisch, Devanagari etc.

Postkarte aus Deutsch-Südwestafrika

Christoph Nutz an seine Verlobte Elise Frank in Schwabach, Dezember 1906

Ein schnell notierter Text in alter deutscher Schrift vom 24. Dezember 1906 – vor Sütterlin. Diese private Handschrift hält sich im Detail nicht an vorgegebene Regeln. Die Person, an die diese Postkarte adressiert ist, wird sie lesen können, ganz sicher. A quickly noted text in old German script from 1906, even before Suetterlin. This private hand does not follow any rules in detail. The person to whom this message was addressed was certainly familiar with this kind of writing. Die in diesem Blog vorgestellten Beispiele sind alle in meinem Besitz, wenn nichts anderes angegeben ist. Für Aufträge gilt absolute Verschwiegenheit. If not stated otherwise, the examples presented in this blog are all privately owned. For my clients, I guarantee absolute confidentiality.