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Franz Vogt (1878 – 1944)

Frankreich, Weihnachten 1914

Franz Vogt: Tagebucheintrag vom 25. Dezember 1914 über Begegnungen mit feindlichen Truppen im Niemandsland.

25. Dezember 1914

Weihnachten im Felde. Es ist jetzt Mittag und wir haben unsere Festmahlzeit bereitet, bestehend aus Brötchen und Suppenfleisch, kalten Kaffee. Ein wunderschöner Morgen war’s. Um acht Uhr bin ich schon aus meiner Bude herausgekrochen. Musste immer wieder an Haus und Heimat denken. Habe lange Spaziergänge gemacht, habe Gräber am Waldesrand besucht, herumliegende Ausrüstungsstücke gesammelt. Um neun Uhr war ich am Telefon. Da riefen Infanteristen aus dem Beobachtungsstand: Unsere Infanterie ist mit der feindlichen in der Mitte zusammengekommen. Haben einen Tannenbaum. An der einen Seite steht Fröhliche Weihnachten, an der anderen Seite Nöel tot jeu. Freund und Feind drücken sich die Hände, trinken einander zu und reden miteinander. Ein selten Schauspiel.

Um zehn Uhr kamen Eisenbahnoffiziere. Wollten auch mal etwas näher an die Front, um Erlebnisse zu machen. Längere Zeit waren sie in unserer Stellung, entschlossen sich dann weiter zur Infanterie vorzugehen. Ich sollte als Führer mit. Wir sind dann, zehn Mann an der Zahl, losgeschoben. Aber nicht weit waren wir vor, da kamen drei Schüsse herangesaust. Flugs machten unsere Herren kehrt.

Unser Dienst ging so wohl bis sechs Uhr abends, aber zwei Uhr kam schon der Befehl, wir könnten abrücken. Haben dann nicht mehr auf den Wagen gewartet, sondern sind zu Fuß langsam nach Bazancourt gegangen. Ein sehr schöner Spaziergang bei wundervollem Wetter, leichter Frost. Weil wir aber unterwegs  in sonniger Lage lange ausgeruht und auch sonst sehr viel Zeit gebraucht, kam uns der Wagen in Boult entgegen.

Die Deutschen zündeten am Rand der Schützengräben und auf eigens herbeigeschafften Weihnachtsbäumen Kerzen an und sangen Weihnachtslieder. Die britischen Soldaten erwiderten die Weihnachtsfeier und sangen ebenfalls. Dann riefen sie sich Weihnachtsgrüße zu, gingen durch das Niemandsland zwischen den Fronten aufeinander zu und tauschten kleine Geschenke aus: etwas zu essen, Tabak, Schnaps, und Knöpfe und Mützen als Andenken. Die Waffen schwiegen in der gesamten Front. Die Waffenruhe erlaubte auch, Gefallene zu bergen und ihrer gemeinsam zu gedenken. Allerdings kam es auch vor, dass an einigen Stellen doch geschossen wurde und Menschen umkamen. In vielen Frontabschnitten hielt der ›Frieden‹ nur bis zum nächsten Morgen, an anderen jedoch bis zum Neujahrstag.

»Der ›Weihnachtsfrieden‹ (englisch: Christmas Truce, also ›Weihnachtswaffenstillstand‹) wie er später hieß, wurde zur Legende und vielfach gefeiert in Büchern, Gedichten, Liedern, Kurzgeschichten, Zeichnungen, einem französischem Spielfilm und einem Musikvideo von Paul McCartney.« Adam Hochschild: Der große Krieg. Bonn 2014, S. 181.

‪Paul McCartney: Pipes of Peace 1914-1918. 1983

Franz Vogt: Tagebucheintrag vom 25. Dezember 1914 über die Begegnungen im Niemandsland.