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Siegmund Helischkowski, Erster Weltkrieg

Erinnerungen 1914 bis 1919

Seite 5 der Aufzeichnungen von Siegmund Helischkowski (1)

»Als die drohende Kriegsgefahr am 31. Juli 1914 verkündet wurde, war es mir, wie den meisten Ärzten im Krankenhause der Jüdischen Gemeinde (ich war dort Praktikant bei Prof. Strauss (2)) klar, dass der Krieg unvermeidlich war. Ob eine Kriegserklärung von Deutschland aus berechtigt war, konnte ich nicht entscheiden, da ich mich leider zu wenig um Politik gekümmert hatte, über die Zusammenhänge der Weltwirtschaft nichts wusste und von der Schule her antidemokratisch erzogen war.«

Visé, der Bahnhof um 1914

»Das Viertel ist verbrannt worden. Wir haben 6 Tote. Die Einwohner mussten die Stadt verlassen.« Auf der Rückseite: »Frau Helischkowski / Berlin-Charlottenburg / Herderstr. 6 / Feldpostkarte / Heute Nacht von den Einwohnern beschossen. Ich bin unverletzt, also / sorge Dich nicht. / Herzlichen Gruss Euch / allen. / Sieg[mund]«

Die Seiten 36 und 37 der Aufzeichnungen von Siegmund Helischkowski

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Nach einem Wassereinbruch im Keller seines Geschäftes stellte ein Antiquar in den 1970er Jahren in Alt Moabit einen Teil seiner Bestände auf den Bürgersteig. Vorübergehende Passanten forderte er auf, sich das mitzunehmen, woran sie Interesse hätten. Die handgeschriebenen Aufzeichnungen von Siegmund Helischkowski mit eingefügten Briefen und Postkarten weckten das Interesse eines Freundes, der aber die Schrift nur schwer lesen konnte. So kamen sie schließlich zu mir. Ich danke Wolf Kahlen.

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(1) Dr. med. Siegmund Helischkowski (*1888 Kolmar/Posen, heute Chodziez/Polen, †1963 Berlin)  Studium in Berlin und Breslau. 1913 bis August 1914 Assistenzarzt am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Bis 1917 Assistenzarzt bei einem Infanterieregiment in Osteuropa. 1917 Dissertation in Berlin: »Die Wandlungen der Desinfektionsmethoden des Operationsfeldes und der Hände des Chirurgen«. 1925 bis 1939 Allgemeinmedizinische Praxis in Berlin-Neukölln. 1939 bis 1945 Krankenbehandler in Berlin Wedding, Iranische Straße 2, Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Berlin.

(2) Hermann Strauss (*1868 Heilbronn, †1944 Theresienstadt), 1910 bis 1942 Chefarzt für Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin. »Mit Beginn des 1. Weltkrieges 1914 übernahm er militär- und kriegsärztliche Aufgaben und war Unterzeichner der ›Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches‹ vom 23. Oktober 1914 zur Unterstützung des Kaisers und zur ›Verteidigung deutscher Kultur‹.« Quelle: https://gedenkort.charite.de/menschen/hermann_strauss/ Stolperstein/Gedenktafel, beides Kurfürstendamm 184, Berlin-Charlottenburg