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Siegmund Helischkowski

In französischer Gefangenschaft

»September 1914. Das Lazarett war eigentlich ein Erholungsheim für operierte Frauen, eine Gründung der Familie Borniche. Es besaß außer dem eigentlichen Gebäude ein schlossähnliches Haus mit einem sehr schönen großen Park und Gemüsegarten. In dem Hause wohnte der Direktor mit dem Chefarzt Dr. Landry und einem Assistenzarzt sowie 3 dames de la croix rouge. Das Hôpital besaß 4 sehr schöne Räume mit je 14 Betten, die durch eichene Wände von einander getrennt waren, der Fußboden war parkettiert. Alles atmete Sauberkeit und Behagen. Wir waren im ersten Stock untergebracht, die französischen Verwundeten in beiden Sälen zu ebener Erde.

Mary-sur-Marne – Schlafsaal in der ›Fondation Borniche‹

Das Haus lag hoch in den Marne-Bergen, die ganze Umgebung war so reizvoll, dass man in normalen Zeiten sich sehr wohl fühlen konnte.

Ich hatte, außer einem genesenden Typhuskranken nur schwer verwundete Leute, die mich reichlich in Anspruch nahmen. 6 von ihnen starben während kurzer Zeit am Tetanus, einer an Rückenmarkslähmung mit decubitus. Es war schrecklich, ihre Leiden mit ansehen zu müssen, ohne helfen zu können. Wir spritzten damals mangels Erfahrung noch nicht prophylaktisch Antitetanustoxin.

Ich selbst speiste mit dem Direktor, den Ärzten und den Rote-Kreuz-Damen gemeinsam. Das Verhältnis war fast freundschaftlich zu nennen, bis auf den reichlich taktlosen Assistenzarzt. Verbandszeug und Medikamente bekam ich reichlich. Dafür revanchierte ich mich, indem ich kleine »souvenirs« austeilte und dem Chefarzt Deutsch beibrachte. Besonders ins Herz hatten mich 3 alte Nonnen geschlossen, die mir zum Abschied noch wollene Strümpfe und Caces zusteckten. Nach einigen Tagen begann ich mich auf meine äußeren Verhältnisse zu besinnen und wurde reichlich deprimiert in dem Gedanken, dass meine Angehörigen ja nicht wussten, was aus mir geworden war. Ich erhielt schließlich die Erlaubnis, nach Hause zu schreiben, was mich ruhiger machte.«

Mary-sur-Marne – Das Schloss mit in der ›Fondation Borniche‹

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Tetanus (Wundstarrkrampf) war im 1. Weltkrieg eine große Gefahr. In erster Linie für die Schwerverwundeten, aber ebenso auch für die vielen Leichtverwundeten. An allen Fronten sind wahrscheinlich Millionen daran gestorben. Das Tetanus-Bakterium lebt anaerob, also ohne Sauerstoff, hauptsächlich im Boden. Ohne Sauerstoff kann es das Nervengift Tetanustoxin bilden, das die Nerven zu Dauerkontraktionen zwingt. Diese sind so heftig, dass selbst gesunde Knochen brechen können. Darüber sind die Dauerkontraktionen extrem schmerzhaft. Das Toxin lässt sich durch das passive Antitoxin neutralisieren, das zwar keine Immunität bewirkt, die Akut-Antitoxinwirkung aber sofort entfaltet. Heute wird standardmäßig bei offenen Verletzungen die aktive Immunisierung durchgeführt. [Ich danke Prof. Dr. Hans-Werner Klempt für seine Hilfe. G.F.]

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Arthur Nicolaier (1862–1942) gilt als derEntdecker des Tetanuserregers. Er studierte in Heidelberg, Berlin und Göttingen Medizin. 1884 gelang es Nicolaier am Hygienischen Institut in Göttingen den Erreger des Wundstarrkrampfes nachzuweisen. 1885 promovierte er mit einer Arbeit zur Aetiologie des Wundstarrkrampfes. Während man in anderen Sprachräumen noch heute vom Nicolaier’s Bacillus oder Bacille de Nicolaier spricht, ist sein Name hierzulande in Vergessenheit geraten. Im Sommer 1942 wurde ihm der Abtransport in das Konzentrationslager  Theresienstadt (»Altersghetto«) angekündigt, am 28. August 1942 nahm er sich das Leben.

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